Aktives Abrufen: So testest du dich und prüfst, was du behalten hast
Eine Formel kann dir auf dem Papier vertraut vorkommen und dir trotzdem in der Klassenarbeit nicht einfallen. Mit aktivem Abrufen prüfst du genau diese Lücke: Lege deine Notizen weg und versuche, selbst auf die Antwort zu kommen. Du kannst einen Gedanken laut erklären, eine Skizze zeichnen oder eine kurze Aufgabe lösen. Vergleiche dein Ergebnis anschließend mit einer verlässlichen Lösung. Dieser Vergleich zeigt dir, was du als Nächstes üben solltest.
Warum sollte ich mich selbst testen, statt die Notizen noch einmal zu lesen?
Roediger und Karpicke untersuchten 2006 in Experimenten das Lernen mit Texten. Bei späteren Tests erinnerten sich Personen, die zuvor Abrufaufgaben bearbeitet hatten, besser als Personen, die zusätzlich gelernt hatten. Auch Dunlosky und seine Kollegen bewerteten Selbsttests in ihrer Übersichtsarbeit von 2013 als besonders nützliche Lerntechnik. Diese Ergebnisse sprechen dafür, das Abrufen in deine Lernroutine einzubauen. Sie versprechen keine bestimmte Note und zeigen nicht, dass das Erinnern einer Formel ausreicht, um jede Aufgabe zu lösen.
Lesen bleibt wichtig: So lernst du neue Inhalte kennen und verstehst Erklärungen. Sobald du einen kurzen Abschnitt verstanden hast, klappe deine Unterlagen zu und versuche, ihn zu erklären. Wenn du keinen Anfang findest, nimm dir einen kleineren Teil des Stoffes vor. Gehe ein Beispiel durch und versuche dann, eine einfachere Frage ohne Nachschauen zu beantworten. Du musst nicht ewig auf ein leeres Blatt starren.
Wie sieht aktives Abrufen bei einer Geometrieaufgabe aus?
Nimm diesen kurzen Abschnitt zum Satz des Pythagoras: In einem rechtwinkligen Dreieck ABC mit dem rechten Winkel bei A ist BC die Hypotenuse. Sie liegt dem rechten Winkel gegenüber und ist die längste Seite. Es gilt BC² = AB² + AC². Um aus dem Quadrat einer Seitenlänge die Länge zu bestimmen, ziehst du die positive Quadratwurzel. Gib vor dem Rechnen alle Längen in derselben Einheit an.
Lies den Abschnitt, decke ihn ab und zeichne das Dreieck selbst. Markiere den rechten Winkel. Beantworte dann die folgenden Fragen auf Papier. Wenn du Karteikarten erstellst, schreibe jeweils die Frage auf die Vorderseite und die Antwort auf die Rückseite. Lass die Antwort verdeckt, bis du selbst einen Versuch gemacht hast.
- Wann kannst du den Satz des Pythagoras anwenden? Erwartete Antwort: wenn das Dreieck rechtwinklig ist.
- Welche Seite ist die Hypotenuse, wenn der rechte Winkel bei A liegt? Erwartete Antwort: BC, weil sie diesem Winkel gegenüberliegt.
- Welche Gleichung verbindet die Seitenlängen? Erwartete Antwort: BC² = AB² + AC².
- Wie lang ist BC, wenn AB = 9 cm und AC = 12 cm? Erwartete Antwort: BC² = 81 + 144 = 225, also BC = 15 cm.
Schreibe bei der Rechnung die Gleichung und das Ziehen der Quadratwurzel auf. Das Ergebnis 15 allein zeigt nicht, ob du die richtige Methode gewählt hast. Nenne im Antwortsatz auch die Einheit: BC ist 15 cm lang. Prüfe, ob das Ergebnis größer ist als jede der beiden Katheten.
Wie korrigiere ich eine falsche Antwort so, dass mir die Korrektur hilft?
Angenommen, du hast BC = 9 + 12 = 21 cm geschrieben. Benenne den Fehler: Du hast die Längen direkt addiert, obwohl der Satz ihre Quadrate addiert. Schreibe BC² = 9² + 12² = 225 und dann BC = 15 cm. Decke die Lösung ab und berechne die Hypotenuse eines anderen rechtwinkligen Dreiecks mit Katheten von 7 cm und 24 cm. Die Hypotenuse sollte 25 cm lang sein.
Markiere jede Antwort als ohne Hilfe richtig, unvollständig oder falsch. Schreibe bei einer unvollständigen Antwort dazu, was fehlt. Vielleicht hast du die Gleichung gewusst, aber die Voraussetzung vergessen, dass das Dreieck rechtwinklig sein muss. Nimm diese Frage in einer späteren Lerneinheit wieder auf. Eine falsche Antwort zeigt dir, woran du arbeiten kannst. Ergänze eine Erklärung und versuche es erneut.
Wie passt das in eine zwanzigminütige Lerneinheit?
Versuche es mit fünf Minuten zum Verstehen eines kurzen Abschnitts, sieben Minuten zum Beantworten von Fragen bei geschlossenen Unterlagen, fünf Minuten zum Prüfen und drei Minuten für einen neuen Versuch bei einer schwierigen Frage. Diese Zeiten sind ein praktischer Ausgangspunkt. Passe sie an, wenn ein Thema mehr Erklärung braucht. Beantworte zu Beginn deiner nächsten Lerneinheit einige frühere Fragen, bevor du die Unterlagen öffnest.
Verändere die Aufgabe, sobald du eine Antwort kennst. Drehe das Dreieck, ändere die Zahlen oder frage dich, warum die Methode anwendbar ist. Nenne bei einer Definition neben dem Wortlaut auch ein Beispiel. So prüfst du, ob du den Gedanken auch bei anders gestellten Fragen anwenden kannst. Wenn dich derselbe Begriff immer wieder aufhält, bitte deine Lehrkraft um eine Erklärung, bevor du weitere Karten erstellst.
Welche Gewohnheiten machen aktives Abrufen weniger hilfreich?
- Eine Karte sofort umdrehen: Sprich oder schreibe zuerst eine Antwort, damit du prüfen kannst, was du selbst aus dem Gedächtnis abgerufen hast.
- Vage Fragen wie „Pythagoras?“ verwenden: Frage nach einer Voraussetzung, einer Gleichung oder einer bestimmten Rechnung.
- Eine Antwort akzeptieren, weil sie vertraut klingt: Vergleiche sie mit den konkret geforderten Punkten.
- Nur Formelkarten lernen: Ergänze Aufgaben, bei denen du eine Methode auswählen und die Rechnung durchführen musst.
Mit Graduo-Karteikarten kannst du dir Fragen zu deinem Unterrichtsstoff stellen. Vergleiche die Antworten mit deinen Notizen, versuche, jede Frage vor dem Aufdecken selbst zu beantworten, und lege fest, wann du die schwierigen Karten wiederholen wirst. Karteikarten erstellen
Quellen
- Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249-255.
- Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students' learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58.
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